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DAS ZITAT - Ausführlich und rückblickend

Geschichte und Gedanken zum ZITAT

Das Wort „ZITAT“ ist aus dem Lateinischen = citare, citatum = herbeirufen, vorladen = entlehnt. In der Literatur ist ein Zitat die wörtliche Anführung beziehungsweise Übernahme einer Wendung, eines Satzes, Verses oder längeren Abschnitts oder auch eines mündlichen Ausspruchs eines Autors in literarischen Werken oder auch einer mündlichen Rede mit Nennung des Verfassers und oft auch der Quelle.

Zitieren heißt, einen Ausdruck wiederholen, den jemand anderer geprägt hat. Zitate finden wir schon in Schriften wie beispielsweise im 1. Buch Samuel, das um 800 v. Chr. entstand. Es wird dort von der Berufung Sauls erzählt und es heißt: „Da ihn aber sahen alle, die ihn vormals gekannt hatten, dass er mit den Propheten weissagte, sprachen sie alle untereinander: Was ist dem Sohn des Kis geschehen? Ist Saul auch unter den Propheten? . . . Daher kam das Sprichwort: Ist Saul unter den Propheten?“ Was Luther hier Sprichwort nennt, bezeichnen wir heute als geflügeltes Wort; als Sprichwort gilt heute nur ein Ausspruch, der eine Lebenserfahrung enthält.

Im Mittelalter diente das Zitat einer Autorität (der Bibel oder eines Kirchenvaters oder auch des Aristoteles) als Beweis. Davon abgesehen aber war es den Sammlern mehr um den Gehalt der Zitate zu tun als um deren Urheber. Der Berliner Schulmann und Sprachforscher Georg Büchmann (1822 - 1984) veröffentlichte 1864 seinen Zitatenschatz „Geflügelte Worte“. Er war der erste, der sich auf den historischen Standpunkt stellte und dem es vor allem darum ging, den Urheber eines Zitates festzustellen. Deshalb zeigte seine Sammlung auch einen besonderen Charakter, den es vordem nicht gegeben hatte. Büchmann nannte - ziemlich willkürlich und nur dem gut klingenden Namen zuliebe - sein Buch „Geflügelte Worte“. Büchmann wusste sichtlich nicht, dass schon Heinrich von Meißen (um 1250 - 1318) das Sprichwort ein „flügges“ Wort genannt hatte - ein Wort, dem Flügel gewachsen sind.

Büchmanns Bezeichnung war einer stehenden Redensart Homers entnommen: „. . . und sprach die geflügelten Worte“, heißt es dort und kann von jeder beliebigen Rede gesagt werden - es bedeutet weiter nichts als Worte, die vom Mund des Redners zum Ohr des Hörers fliegen. Büchmann war noch lange im Zweifel, ob sein Titel der richtige sei; aber der Ausdruck bürgerte sich rasch ein und wurde sogar ins Holländische, Französische, Dänische und Schwedische übernommen.

Drei Forderungen wurden an ein „geflügeltes Wort“ gestellt: Erstens sollte es ein Zitat sein - die geprägten Worte sollten im Sprachbewusstsein noch gegenwärtig sein. Zweitens sollte das „geflügelte Wort“ landläufig sein: „Ein in weiteren Kreisen des Vaterlandes dauernd angeführter Ausspruch eben“, wie es Walter Robert Tornow, der Büchmanns Werk fortsetzte, formulierte. Und drittens musste sich dafür auch ein Urheber oder wenigstens ein Ursprung angeben lassen.

Im Laufe der Zeit und bis hin zur Gegenwart hat sich der Zitatgebrauch jedoch entscheidend verändert. War das Anbringen von Zitaten bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eine Sache der Bildung und damit des Sozialprestiges, so steht dies bei der heutigen Art des Zitierens nicht mehr im Vordergrund. Integrierte man früher ein Zitat in seine Rede oder seinen Text ein, so wollte man seine Belesenheit und sein Bildungsniveau unter Beweis stellen. Schüler mussten zeigen, dass sie die Werke der großen Dichter und Denker „intus“ hatten und durften sich nicht bei einem falsch wiedergegebenen Zitat ertappen lassen. Vor allem seit dem Ende des 2. Weltkriegs trat hier aber eine Zäsur ein. Das Zitat aus dem tradierten Literaturkanon und seine korrekte Anwendung galt nicht mehr unbedingt als Bildungsnachweis.

Das wird gerade heute besonders daran deutlich, was man in Rede und Schrift für zitierwürdig hält. Natürlich sind immer noch die Bibel, die klassische deutsche Literatur und die Weltliteratur gern benutzte Zitatenspender. Aber es zeigt sich eine deutliche Verschiebung hin zu aktuellen Schlagwörtern oder Slogans aus den Bereichen Politik und Werbung.

Die Rolle der Literatur als Zitatenlieferant ist in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts fast zur Bedeutungslosigkeit gesunken. Man zitiert heute weniger aus Werken, sondern es sind sehr häufig die Titel der Werke, die das Zitat liefern: „Die Plebejer proben den Aufstand“ (Schauspiel von Günter Grass, 1966), „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ (Roman von Johannes Mario Simmel, 1971), „Gruppenbild mit Dame“ (Roman von Heinrich Böll, 1971), „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (Roman von Milan Kundera, 1984). In gleicher Weise sind Titel von Spielfilmen und Fernsehserien die Lieferanten moderner Zitate: „Lohn der Angst“ (Spielfilm, 1952), „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ (Spielfilm, 1968), „Das große Fressen“ (Spielfilm, 1973), „Hätten Sie's gewusst“ (Fernsehquiz Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre), „Mit Schirm, Charme und Melone“ (Fernsehserie in den 60er Jahren), „Acht Stunden sind kein Tag“ (Fernsehserie in den 70er Jahren).

Auch Schlager- und Songtitel wurden in den letzten Jahrzehnten zitierfähig. Wie z. B. „Mein Gott, Walter!“ oder „Neue Männer braucht das Land“. Auch aus dem Bereich der die Werbung gab es Wort-Kreativität. Slogans schafften es in den „allgemeinen Sprachgebrauch“ und werden als moderner Zitatenschatz bezeichnet. Beispiele? Vom „Duft der großen weiten Welt“ (Zigaretten) über „Und läuft und lauft und läuft . . .“ (Auto) bis zur Feststellung „Man gönnt sich ja sonst nichts . . .“ (Spirituosen).

Heute grundlegender Unterschied zur früheren Zitierweise - legte man früher aus Gründen des Bildungsprestiges Wert auf exakte wörtliche Wiedergabe, so ist man heute viel unbekümmerter im Umgang mit dem Zitierten. Es wird, je nach dem aktuellen Anlass, abgewandelt oder völlig verfremdet. Nicht mehr Textgenauigkeit und Kontextgebundenheit machen den Wert des Zitats aus, sondern vielmehr eine durch witzig-freche Veränderung geschaffene, nur noch assoziative Verbindung zum originalen Zusammenhang, die ihrerseits wiederum beim Leser oder Hörer eine besondere Wirkung erzielt.

Diese neue Art des Zitatgebrauchs findet sich besonders in den Schlagzeilen der Presse. So trug z.B. ein feministischer Artikel im Feuilleton einer großen deutschen Tageszeitung die Überschrift „In den Staub mit allen Feinden der Frau“. Hier wurde das als bekannt vorausgesetzte Zitat „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“ aus Kleists „Prinz von Homburg“ verfremdet und in Bezug auf ein aktuelles Geschehen gesetzt. Oft findet man aber auch das Original ohne Abwandlung zitiert, z. B. „Szenen einer Ehe“ (Überschrift eines Zeitungsartikels über ein Bankenfusion; Titel eines Films von Ingmar Bergmann) oder die Beschreibung der Hauptdarstellerin eines Fernsehfilms als „obskures Objekt der Begierde“ („Dieses obskure Objekt der Begierde“, Titel eines Filmes von Louis Bunuel). Diese Beispiele zeigen deutlich, dass heute häufig unkonventionell zitiert wird, da eben nicht mehr, wie zuvor gesagt, angelesenes Wissen dokumentiert werden soll, sondern man mit einer schnell hingeworfenen sprachlichen Chiffre bei anderen bestimmte Assoziationen hervorrufen will.

zitate.eu
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