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Der große Fußballschwindel

Der Schriftsteller Franzobel über die Auswüchse der Fußballeuphorie in Brasilien und seiner Wahlheimat Argentinien.

© shutterstockSüdamerika. Voodoozauber, Rosenkränze in Vereinsfarben, Müllsammler in Kicker-Trikots und Millionen kleiner Ronaldinhos

I eh habe mich oft gefragt, wie es die Zugvögel machen, um sich im Frühjahr, wenn sie zurückkommen, gerecht im Norden zu verteilen. Gibt es eine Vögelverteilungskommission? Geheime Flugpläne? Die südamerikanischen Fußballer jedenfalls, von denen tausende in Europa spielen, schaffen die gerechte Verteilung nicht, kehren meist nach Argentinien oder Brasilien zurück, lassen die acht anderen Länder außen vor. 

Für die beiden Großen sind Fußballer ein Exportprodukt, ist Fußball ein Glück. Der Fußball kann alles, Kranke heilen, Ehen retten, Blinde sehend machen, Hungernde satt. Der Fußball ist die Lösung sämtlicher Probleme, ein Glücklichmacher, wenigstens in Südamerika, wo es sonst nichts gibt, nur Fußball und die Hoffnung auf den Titel.

rio1Südamerika, ein Kontinent voller Gegensätze und Widersprüche. Es gibt zum Beispiel jede Menge Ghettos, mit Stacheldraht gesicherte, wie Gefängnisse aussehende Areale, vor denen Wächter mit Maschinengewehren sitzen. Es sind aber keine ernst gemeinten Ghettos, sondern solche mit Kindergärten, Supermärkten, wo Gärtner den Rasen und die Rosen pflegen, alles piekfein und geschniegelt ist, selbst geschaffene Ghettos also, Gefängnisse des Kleinbürgerlichen, so genannte Countries, in denen sich die Gutsituierten und Reichen verschanzen, weil sie sich dort sicher fühlen. Die Reichen Südamerikas haben meist Fitnesstrainer, Diätplaner und Geld für Schönheitsoperationen. Die Reichen sind dünn und leben im Ghetto.

Die Dicken sind dagegen frei, arm und kommen in die Ghettos nur als Hausbedienstete oder Handwerker. Die Dicken wohnen in billigen Vororten, ungeputzten Ziegelhäusern, Holzhütten, manche in den Villas miserias oder Favelas. Während die Reichen ihr Geld außer Landes schaffen, es in Europa oder Amerika investieren, schicken die paar Armen, die es geschafft haben, in der so genannten ersten Welt einen Job zu finden, ihr schwer verdientes Geld nach Hause und verhindern so den wirtschaftlichen Zusammenbruch, den die Reichen in Kauf nehmen würden.

Der Kontinent ist reich an Bodenschätzen, Wäldern, Weideland, und trotzdem geht es der Bevölkerung nicht gut, wird doch sämtlicher Gewinn von einer korrupten Politik abgeschöpft oder gehört den internationalen Konzernen. Daher war Südamerika immer schon ein guter Boden für Revolutionäre und Religionen. Und ist es nach wie vor.

Nicht umsonst sind auch die Fußballer abergläubisch, machen sich nach jedem Tor Kreuze an die Stirn, blicken dankbar nach oben, pflegen seltsame Rituale. Cafu etwa spielt nur mit umgedrehter Unterhose, Dida mit einer Locke seiner Großmutter im Schuh, Riquelme bezahlt Nonnen, damit sie für ihn beten, und Adriano isst vor jedem Spiel nur Speisen in bestimmten Farben- je nach Tag und Vereinsfarbe des Gegners.

Nicht umsonst wird Südamerika auch Belindia genannt. Ein kleiner Teil ist reich, gepflegt und sicher wie Belgien, während der große Rest an Indien erinnert. Die Reichen spielen Golf und gehen Fliegenfischen, die Armen Fußball und Überleben.

In den meisten Städten gibt es Kartoneros, Leute, die täglich den auf die Straße gestellten Müll durchpflügen, um Verwertbares, vor allem Kartons, herauszufiltern, wofür sie dann ein paar Pesos oder Reales kriegen. Gerade so viel, um nicht zu verhungern. Es ist eine schmutzige Arbeit, und es sind die Ärmsten der Armen, die allabendlich die besseren Viertel von Rio oder Buenos Aires durchpflügen. Nicht selten sind es Kinder, manche haben Fußballertrikots an, was ein seltsames, endzeitliches Bild ergibt, wenn die Saviolas, Kakas und Crespos nicht einem Ball nachjagen, sondern große Karren voll Kartons schieben, in Müllsäcken wühlen, keine gelgestylten Frisuren tragen, sondern schmutzgeformte; bloßfüßig und dreckstarrend nach Elend aussehen.

Ob der Fußball den Leuten hilft? Natürlich gibt er Hoffnung, Traumfutter und Trost, aber er lenkt auch ab, sagt jedem: Du hättest es schaffen können, jetzt schau dich an, was aus dir geworden ist. Millionen kleiner Südamerikaner träumen von einer großen Karriere im Ausland, davon, es den Maradonas, Peies und Ronaldinhos gleichzutun, sich mit dem Fußball aus dem Elendsviertel rauszuspielen. Aber nur wenigen gelingt es. Neben jedem Ronaldo gibt es tausende Gescheiterte, tausende, die nicht das Glück hatten, sich durchzusetzen. Ist es also eine Mär, dass der Fußball die Gesellschaft harmonisiert, wichtig für die Leute ist? Dass auch die Armen etwas davon haben? Ist es eine Mär, dass sich im fußballerischen Samba oder Tango ein ganzes Land eint, in einem kollektiven Brodeln die schwierige Vergangenheit von den Konquistadoren bis zu den Opfern der Militärdiktaturen auszukochen, um fußballgereinigt als neue Nation zu entstehen? Ja, Fußball kann politisch sein. Spielt Tibet gegen Grönland oder Inter Mailand gegen mexikanische Zapatisten, Fußball ist politisch, wäre politi.sch, wenn ein Spieler der Squadra Azurra auf ein vor der italienischen Küste gesunkenes Flüchtlingsboot und darauf, wie im nächstgelegenen Fischerdorf damit umgegangen wird, aufmerksam machen würde. Um eine Konfiszierung der Fischerboote zu vermeiden, werden dort nämlich die gefischten Flüchtlingsleichen einfach zurück ins Meer geworfen. Fußball ist politisch, wenn Montenegro sein erstes Länderspiel haben wird, wenn Israel in der EuropaGruppe spielt, es eine palästinensische Mannschaft gibt. Fußball ist politisch, ein Arbeitersport, ein rustikales Spiel, ein Sport der Unterschicht. Fußball neigt zu Extremen, birgt ein hohes Verletzungsrisiko. Für die Ärmsten der Armen ist Fußball oft die letzte Hoffnung. Aber haben die Leute in den südamerikanischen Elendsvierteln was davon, wenn ihr Land den Titel holt? Werden in den Favelas weniger Kinder erschossen? Werden sich die desaströsen Zustände in den Gefängnissen ändern, kauft deshalb auch nur ein großspurig zu Brasilien helfender Europäer mehr Fair-Trade-Produkte? Bekommen die landlosen Bauern eine Chance? Die Opfer der Kokain-Mafia?

Gerne wird darauf gepocht, was Fußball alles bewirkt, wie wichtig er ist. Aber in erster Linie dient er dazu, ein Volk ruhig zu halten und nicht an Aufruhr denken zu lassen. Wo es Fußball gibt, gibt es keine Revolution. Der Fußball ist ein großer Schwindel, ein Vertröster. Es ist ein Blödsinn, dass er wirtschaftlich oder sozial etwas bewegt. Er ist bloß ein neues Opium fürs Volk.

Nichtsdestotrotz gönne ich Südamerikanern den Pokal, nirgendwo habe ich so viele offene und herzliche Menschen erlebt, nirgendwo sonst so viel berührende Freundlichkeit.

Das Licht ist auf der ganzen Welt anders, in Südamerika aber ist es besonders. Nicht umsonst hat Argentinien in seiner Flagge eine Sonne, Brasilien 17 Sterne. Österreich könnte eine Schneeflocke haben, Deutschland eine Regenwolke, die Schweiz einen Tresor.

Eine Sonne, die in Argentinien gegen die Wehmut ankämpfen muss, eine Wehmut, die Tanz geworden ist und Tango heißt. Es ist die Klage über den Verlust der Heimat, über das Ausgerissensein, das Wurzellose. Das ewige Durch-den-Bandoneon-Fleischwolf-Drehen des Emigrantenleids. Während man bei Brasilianern den Eindruck hat, jedes einzelne Wort (selbst bei Sätzen wie "Treten Sie beiseite. Ich lese Ihnen Ihre Rechte vor") ist ein Orgasmus, ist der Argentinier melancholisch. Der Tango ist wie ein Kübel voller Krustentiere. Ein Skorpionstanz, der an die technischen Darbietungen in Anirnierlokalen erinnert. Mit unbewegter Miene werden da eindeutige, aber oft komplizierte Schritte in den Schritt gemacht, als wollte man das Sich-ins-eigene-Fleisch-Schneiden darstellen. Tango, das ist getanzter Tod, ein Besingen des Untergangs, während Samba konzentrierte Lebensfreude ist. Schon die brasilianischen Karnevalstänzerinnen sehen aus, als würden sie Luft kopulieren. In Argentinien wird viel geküsst, in Brasilien berührt man sich ständig, greift sich ins Haar, streichelt, knuddelt, tätschelt, tatscht.

Und überall herrscht eine unwahrscheinliche Fußballbegeisterung. Kein Lokal ohne Fernseher, kein Gespräch ohne Fußball. Wie bei uns. Nur geht es in Brasilien so weit, dass auch Voodoozaubereien einen Erfolg der Sele~äo garantieren sollen. In Argentinien gibt es eigens Geschäfte für FußballDevotionalien, wo man nicht nur Aschenbecher oder Wimpel in der Mannschaftsfarbe kaufen kann, sondern auch Rosenkränze, Heiligenfiguren. Aber vertreten die Sele~äo und die argentinische Auswahl überhaupt noch ihr Land? Von den 23 brasilianischen WM-Teamspielern kicken 20 in Europa, von den argentinischen 19, von den ecuadorianischen einer. Irgendwie ist es wie mit den Zugvögeln, bei denen man sich auch fragt, wie lange sie noch zurückkommen.

profil 2.Juni 2006

 

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